Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

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Reinrassige Ökoanlage: Prokon und die große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit

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Der zur Zeit bei der “reinrassigen” ökologischen Geldanlage auf den Werbeflächen auffallendste Anbieter ist Prokon. Ein sogenanntes Genussrecht soll den Anleger zur besten Sendezeit kurz vor der ARD-Tagesschau darauf aufmerksam machen, dass er jetzt doch in (s)eine lebenswerte Zukunft investieren solle. Mindestens 28 Seiten Text sollte man allerdings hier vorher gelesen haben, eventuell gleich im Beisein von einem oder zwei Rechtsanwälten dazu. 

Also: Der Windenergiehersteller muss sich trotz erfolgreichen Einwerbens eines dreistelligen Finanzvolumens weiterhin viel Kritik gefallen lassen.  Bereits im vergangenen Jahr pries Prokon seine Genussrechte per Postwurfsendung  als „Alternative zur Bank oder Lebensversicherung“ an: „Nur eine Investition in Sachwerte bietet Ihnen einen wirksamen Vermögensschutz!“.

In dieser Werbung, die laut Anbieter deutschlandweit an die Haushalte verteilt wurde und wird, sei von Risiken gar nicht die Rede gewesen, monierte schon damals die Stiftung Warentest.  Im Klartext liest sich das dann so: Anleger werden durch den Kauf der Genussrechte keineswegs Miteigentümer an Windkraftanlagen oder anderen Sachwerten. Sie erwerben lediglich eine „stille Beteiligung“ ohne Mitspracherecht an unternehmerischen Entscheidungen.

Wenig nachhaltig anmutendes Kleingedrucktes gibt es noch viel mehr, auch Branchenkenner sehen das Ganze kritisch. Der Blick hinter die Kulisse ist also schon deutlich weniger cool als das Werbeversprechen. Und damit sind wir beim schwierigen Thema der ökologisch hundertprozentig stimmigen Geldanlage.

Wir stellen uns jeden Tag die bange Frage: Gab und gibt es da nicht doch irgendeinen vermeintlich harmlosen Zulieferer einer Solaranlage, der nicht parallel dazu auch schonmal drei Schrauben für ein Atomkraftwerk geliefert hat? Das wäre dann definitiv ein Ausschlußkriterium. Nein – ich will den Fall Prokon keineswegs verharmlosen, der ist natürlich von einem anderen Kaliber, nämlich hart an der Grenze zur bewussten Täuschung. 

Und wenn ja – was folgt daraus? Ich plädiere zunächst generell für eine kritische neue Sachlichkeit bei einem Thema, das zwangsläufig ein enormes Loch zwischen Schein und Sein reißt. Denn wir sind alle nicht so nachhaltig, wie wir glauben, wir fahren (meistens Auto, oder zumindest mit). Wir fliegen, weil wir manchmal müssen, oder auch wollen. Fahrrad fahren ist gut, aber manchmal geht es nicht ohne andere schädliche An- und Umtriebe.

Wir werden also nicht immer von der grünen Mülltonne bis in die graue Bahre jeden Anspruch an uns selbst und andere zu 100 Prozent einlösen können. Das gibt die nötige innere Gelassenheit und Distanz, um dem Thema mit einer undogmatischen Sympathie zu begegnen.    

Im Falle von Prokon und einiger anderer Anbieter hält allerdings das Verwirrspiel an. Denn die Werbestrategie ist aktuelle natürlich erneut auf der Warnliste der Verbraucherschützer gelandet. Wie gut oder schlecht das ist, hängt davon ab, aus welcher pragmatischen oder ideologischen Ecke man es betrachtet.

Leider malt gerade die bodenständig-visionäre Moral ziemlich langsam – so dass notwendige Gerichtsurteile so spät rechtskräftig werden, wenn überhaupt. Auch die FTD hat das Thema Risiken im Kleingedruckten kürzlich aufgegriffen und ein kleines Warnfester für allzu illusionsgierige reinrassige Ökoanleger aufgestellt.

Bevor jetzt wieder einige eifrige Kritiker monieren, es gibt sie doch die ethisch einwandfreien Projekt. Ich weiß – aber: Neutrale Einschätzungen zu den grünen Geldanlagen sind schwieriger denn je zu erhalten. Es ist ebenso viel Blendwerk wie Illusionen im Spiel, ähnlich wie auf dem grauen Markt der Geldanlage. Andererseits ist klar, das Thema wird weiter boomen. Allerorts gibt es große Titelgeschichten, so etwa in der Maiausgabe von “Cash” unter dem Titel Durchbruch für grüne Geldanlagen. (leider online noch nicht verfügbar).  

Insofern also lautet die Botschaft, erstens: innere Distanz und Gelassenheit, zweitens: genau prüfen, was sich hinter dem Ökoheilsversprechen verbirgt – und drittens: fortlaufend prüfen, wohin das Geld wie und von wem platziert hinwandert. Am besten geschähe dies mit einem interaktiven Trackingtool.

Oder gibt es das noch gar nicht, wie in der Lebensmittelindustrie und -logistik, wo man die Charge jederzeit nachverfolgen kann, wo sie sich gerade befindet? Ein Geldtracker, vielleicht eine gute Geschäftsidee – arbeite dazu gerne ein philosophisch und ethisch völlig einwandfreies Konzept aus. Aber: Da wäre immer noch das Thema mit der Herkunft, wo man die ganze Lieferkette von der Wiege bis zur Bahre erfassen sollte. Au weia – denn allein Puma fügt laut Yahoo Finance der Umwelt einen Schaden von 94,4 Mio. Euro zu.

Keine Produkte mehr von Puma kaufen, obwohl die einiges dagegen tun? Aber wer ist der richtige Idealpartner, vor dem die Braut wie im Hollywoodfilm mit Julia Roberts und Richard Gere nicht gleich mehrere Male hintereinander flüchten muss, weil sie sich gar nicht an den eigentlich Richtigen rantraut. 

Werden wir deshalb lieber wieder pragmatisch: Welche Herausforderungen die Unternehmen aber auch Banken dabei noch aus dem Weg zu räumen haben, das skizziere ich in der aktuellen Maiausgabe der Fachzeitschrift “die bank”.

Sustainable Performance Management: Den CO2-Fußabdruck präzise vermessen

Jedem also, der sich jenseits von Sonntagsreden ernsthaft und professionell mit der Thematik auseinandersetzen möchte, sei der Artikel wärmstens empfohlen, er zeigt, wieviel Kluft wir noch überwinden müssen, bis wir überhaupt zum möglichst vollständig eingelösten ethischen Anspruch gelangen können.

Written by lochmaier

Mai 19th, 2011 at 1:36 pm

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5 Responses to 'Reinrassige Ökoanlage: Prokon und die große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit'

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  1. Lieber Herr Lochmaier,
    das Thema “Werbeaussagen Prokon” ist leider schon seit letztem Jahr bekannt. Schade, dass das eigentlich zur Zeit sehr aktuelle Thema “Nachhaltige Geldanlage” und “wie beeinflusse ich durch meine Geldanlage die Energiewende” durch solche Fälle in Misskredit gerät. Natürlich sind diese Angebote nicht so sicher wie Festgeld.
    “Echt nachhaltig und ethisch” anlegen würde auch bedeuten, dass man keine Solarfonds mit Modulen chinesischer Produzenten nimmt – denn das wäre “political incorrect”. Auch wir können nur empfehlen, genau zu prüfen, a) ob nicht nur ein “grüner Anstrich” da ist und b) welche Kriterien im Hinblick auf Rendite, Sicherheit, Chancen & Risiken vorhanden sind. Hier sind Anleger nicht von der Pflicht zum genau Hingucken, Lesen und Nachfragen entbunden … dazu fordert UDI seine Kunden aber auch immer auf!
    Gruß Anette Rehm

    Anette

    20 Mai 11 at 12:15 pm

  2. [...] Social Banking 2.0: Reinrassige Ökoanlage: Prokon und die große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit [...]

  3. Hallo Frau Rehm,
    in der Tat ist es schwierig, hier zwischen grünem Anstrich und ethisch durchdachtem Konzept zu unterscheiden. Da ist aber auch der Anleger gefragt, und natürlich der Anbieter, der komplett aufklären sollte, auch über etwaige Schwachstellen. Ansonsten ist der Trend natürlich unübersehbar, Fukushima hat viele Menschen sensibilisiert, und das ist auch gut so, künftig wird die Rendite bei so manchem (der es sich zumindest leisten kann) nicht das alleinige Auswahlritierium sein.

    lochmaier

    20 Mai 11 at 2:44 pm

  4. […] Social Banking 2.0: Prokon und die große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit (19.5.2011) […]

  5. Ich denke auch, dass die grünen Geldanlagen weiterhin beliebt bleiben werden. Neben den üblichen Investoren, die nur auf den Zinsertrag schauen, gibt es natürlich auch immer wieder Anleger, die ihr Geld explizit in ethischen Unternehmen anlegen möchten. Allerdings habe sich viele damals wohl hinsichtlich der Genussrechte nicht genug mit den Risiken beschäftigt, denn solch eine Anlage ist hochriskant und es droht im Falle der Insolvenz der Komplettverlust. Und im Falle von Prokon droht den Genussscheinbesitzern ja nun durch die Insolvenz genau dieses Szenario und es bleibt abzuwarten, wie viel von ihrem eingesetzten Kapital gerettet werden kann.

    Ralf

    26 Jul 14 at 4:06 pm

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